Fahren für Gott und Vaterland
von Jörg Jaksche am 14.07.05
12. Etappe / 92. Tour de France
187 km von Briancon nach Digne-les-Bains
Heute war es dann wieder einmal soweit - 'Großkampftag' der Franzosen. Nicht wenige rot-weiß-blaue haben extra dafür zuvor bei der Königsetappe dezent ausgelassen: Frei nach dem Motto "Lieber ein Grupetto weiter hinten, aber am Nationalfeiertag volle Pulle". Für die ist das echt das höchste der Gefühle. Du siehst es schon morgens, wie sie an den Start rollen. In den Augen steht dann nur noch das Wort 'Attacke'. Darauf komme ich ehrlich gesagt nicht gut klar. Dieses überhöhte Nationalgefühl ist wirklich nicht mein Ding. In einem modernen Europa sind die Jungs eindeutig mit ihrer Einstellung aus meiner Sicht neben der 'Ideallinie'.
Fordere Zimmer für AllergikerNationalfeiertag hin oder her, ich hatte zunächst beim Aufstehen eine 'Birne', als hätte ich gestern richtig einen drauf gemacht. Wir hatten ein wirklich unterdurchschnittliches Hotel erwischt und dort hingen alte Wandteppiche rum, die vermutlich zu Napoleons Zeiten letztmalig entstaubt worden waren. Teppiche am Boden, an der Wand, für einen Allergiker wie mich die Hölle. So schnell war ich selten aus einem Hotel raus wie vor dieser Etappe.
GruppenfindungDer Tag ist dann sportlich so verlaufen, wie ich es eigentlich auch erwartet hatte. Die Franzosen haben im Feld 'randaliert', es ging eine Gruppe, dann die nächste. Das Spiel dauerte so lange, bis dann endlich zusammengefunden hatte, was zusammenfinden durfte. Denn in den Teamfahrzeugen und im internen Funk werden bei jeder Gruppe die Namen geprüft, die Zeiten verglichen. Als der Julich ging, da hat Discovery natürlich sofort das Loch zugefahren. Man hat also wenig Chancen, wenn man bei den anderen auf der Liste steht. Mir war das heute recht, denn es ging eher so lala. Am Ende der Etappe war ich schon ein bisschen kaputt. Aber das war heute genau der richtige Tag zum durchschnaufen. Kam prima hin für mich.
Ziele im Team neu definiertManolo, unser Sportlicher Leiter, hat die Ziele, die wir im Team erreichen wollen, schon vor der Etappe neu definiert. Jetzt werden wir in den kommenden Tagen alles für einen Etappensieg tun. Natürlich gilt das nach dem jetzigen Stand der Dinge auch für unseren Kapiän Heras, der im Gesamtklassement schon einen deutlichen Rückstand aufweist. Wollen mal hoffen, dass er noch ein 'Ding' auspackt. Ich selbst bleibe bei meinem Ziel - Top 10. Nennen wir es interne Teambesprechung Jaksche. Gegen einen Etappensieg hätte ich dabei nichts einzuwenden. Geschenke gibt es aber leider nicht auf der Tour.
Vive la FranceEnde gut, alles gut. Zumindest für unsere Sportskameraden aus dem Gastgeberland. Die Franzosen haben mit David Moncoutie als Sieger ihren Helden für einen Tag. Man muss auch Gönnen können. Obwohl wir von Liberty Seguros Würth ja mit Angel Vicioso als Dritten beinahe schon unseren Etappensieg geholt hätten. Morgen werden dann die Sprinter ihre letzte Chance suchen. Ich bete, dass eine Gruppe geht, in der der Beste 30 Minuten Rückstand auf das gelbe Trikot hat. Auf der Tour kommen einem schon seltsame Wünsche. Ist aber so. Sorgen macht mir dabei nur das Team von Lotto. Die wollten doch zwischenzeitlich glatt das Feld heute wieder ranfahren. Ich hoffe, dass sie morgen nicht wieder so 'drauf' sind.
In diesem Sinne
Euer Jörg
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