Windschattenverbot
von Jörg Jaksche am 19.07.05
16. Etappe / 92. Tour de France
180,5 km von Mourenx nach Pau
Am Ende des Tages tut es gut, wenn man die Erlebnisse des Renngeschehens noch einmal in Ruhe für sich selbst aufarbeitet. Mache ich hiermit und komme schnell zu dem Ergebnis, dass ich Glück und Pech hatte, schlechte und dann wieder gute Beine.
Der 'Nach-Ruhetag-Effekt'Schon die ersten Rennkilometer haben mich in innere Aufruhr versetzt. Zunächst dachte ich mir: "Hallo liebe Beine, schon wach? Heute ist wieder Tour de France." Ich mag einfach keine Ruhetage. Das hört sich vielleicht blöd an, aber das bringt mich völlig aus dem Tritt. Ich hätte bei Kilomter 15 schwören können, dass ich das Ziel nicht sehen werde. Und dann direkt der nächste Hammer.
Massensturz und Chaos purBei Kilometer 30 gibt es auf einmal einen riesen Knäul vor mir. Ich gehe voll in die Bremsen, versuche nicht auf die vor mir gestürzten Fahrer zu 'knallen' und komme Millimeter vor dem Kontakt zum stoppen. "Ich stehe, ich stehe, danke", jubelte ich noch innerlich. Zu früh gefreut. Plötzlich rammt mir von hinten irgendein anderer Fahrer seinen Lenker in den Rücken. Super den Sturz habe ich vermieden, aber dieser Kollege hat mir mein Vorderrad mit seiner Schaltung komplett aufgespeicht. Mein Puls ist so hoch wie mitten im Berganstieg und das Chaos nimmt seinen Lauf. Links neben mir sehe ich unmittelbar danach den Kessler wie einen Pfeil in der Wiese einschlagen. "So ein Mist.", schimpft der auch gleich los. "Hier bricht man sich glatt das Genick." Überall sind Serviceleute, ganze Räder werden ausgetauscht, es dauert, bis auch ich mein Vorderrad ersetzt bekomme.
Aufholjagd noch vor dem ersten BergDa plant man in einer Gruppe mitgehen zu wollen und dann - während es einen hinten im Feld zerlegt - geht vorne die Post ab. Könnt ihr Euch vorstellen wie man sich in solchen Momenten fühlt? Ich bin dann eine halbe Stunde zwischen den Autos 'hergehüpft' und habe mir im 'roten Bereich' die Lunge aus dem Hals gestrampelt. Zu allem Übel hat uns die Tourleitung noch permanent ermahnt, nicht den Windschatten der Autos auszunutzen. Hier wurden wir also direkt noch einmal bestraft, denn das war harte Arbeit ohne Ende. Wir dachten wirklich, dass wir das Loch nicht mehr zugefahren bekommen.
Sauber abgehängtDie Quittung erhält man im Radsport immer. Gerade waren wir wieder am Feld dran, da ging es zur ersten Bergwertung des Tages hinauf. Durch die 'Sonderschicht' der Aufholjagd hatte ich dermaßen dicke Beine, dass ich am Berg sauber abgehängt wurde. Ich hatte keine Chance das Tempo von Armstrong und Co. mitzugehen. In mir brodelte es natürlich vor Wut.
Beine gingen endlich aufDoch auf der Abfahrt konnte ich mich wieder erholen und pünktlich zum letzten 'HC-Anstieg' der Pyrenäen gingen die Beine endlich auf. Ich fühlte mich gut und konnte mich in einer Gruppe hinter dem gelben Trikot 'festbeißen'. So bin ich dann doch noch recht gut durch die letzte Pyränen-Etappe gekommen.
Fachsimpelei mit CheftaktikerUnterwegs haben wir uns im Fahrerlager allerdings etwas über die eigenwillige Taktik von T- Mobile gewundert. Erst geht der Vino, dann geht Ulle nach ... Leute, wir haben uns alle angeguckt und gefragt was da wohl der Plan ist? Discovery hatte heute wirklich in T-Mobile eine gute Unterstützung. Ich habe jedenfalls als wissbegieriger Tour-Teilnehmer direkt bei meinem 'Trainings-Spezi' Georg Totschnig nachgefragt. Ich sage, " Georg, du Taktikgenie. Was macht T-Mobile da? Lass mich noch was lernen." Georg zuckte auch nur mit den Schultern und meinte, dass er es nicht erklären könne, weil es ihm nicht klar sei. Immerhin, diese Taktik war also nicht nur für mich zu hoch.
Auf den nächsten Tag hoffenIm Ziel hatten es also einige Ausreißer gepackt. Glückwunsch! Denen gelang, was sich ca. 160 Leute im Feld beim Start vorgenommen hatten. Am Mittwoch wird es wieder so sein und viele Fans sagen zu mir, dass ich doch einfach 'rausspringen' soll und in einer Gruppe gehen soll. Leicht gesagt, denn zehnmal hebst Du deinen Allerwertesten und attackierst und beim elften Mal bleibst Du sitzen und verpasst die Gruppe. Ihr macht Euch kein Bild wie hart in der ersten Stunde bei der Tour gefahren wird. Und jetzt kommt das Beste - ich probiere es morgen wieder. Zielsetzung 'Fluchtgruppe'.
Euer Jörg
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